Forum Bioethik Das SunshineProjekt wird seine Arbeit einstellen müssen
12.03.2003
 

 
taz Nr. 7002 vom 12.3.2003, Seite 5
DAS SUNSHINE PROJECT GEGEN BIOWAFFEN
Verfügt der Irak über Biowaffen? Alle Welt redet über diese Frage. Jan van
Aken (41) hat bereits 1999 mit zwei Amerikanern den Verein "Sunshine
Project" gegründet, der sich gegen solche Waffen engagiert. Obwohl das Thema
hochaktuell ist: Weil Geld fehlt, muss van Aken seine Arbeit einstellen

Mehr Licht, bitte
von FRIEDERIKE GRÄFF

Jan van Aken hat Heino getroffen, Heino und Helge Schneider, als er bei
Frank Elstner eingeladen war. Er hat bei Anne Will in den "Tagesthemen"
gesessen. Er hat für die FAZ geschrieben und der Freizeitrevue ein Interview
gegeben. Die Bild-Zeitung hat ihn angerufen und die Bunte. Das ist keine
schlechte Bilanz, wenn man Musik macht oder Fußball spielt. Es ist
großartig, wenn man einen Verein gegen Biowaffen gegründet hat. Aber es
bringt kein Geld. Das Fernsehen hält das Ende nicht auf.

Man könnte sagen, dass alles 1999 angefangen hat in einem Zug zwischen
Baltimore und New York, als Jan van Aken mit einem Kollegen zum
Greenpeace-Solidaritätskonzert der Eurythmics gefahren ist. Sie haben über
Biowaffen gesprochen, wie schon oft, und dass man etwas tun müsse, einen
Verein gründen zum Beispiel. Der Kollege empfahl ihm Bekannte, die sich mit
Biotechnik befassten, Edward Hammond und Susana Pimiento, und dann haben sie
ihn tatsächlich gegründet, den Verein. "Sunshine Project" sollte er heißen,
das hat der Kollege vorgeschlagen, weil viele biologische Waffen von
Sonnenlicht zersetzt werden. Natürlich ist es übertrieben, zu sagen, dass
das Sunshine Project im Zug zwischen Baltimore und New York geboren wurde.
Das Thema ist Jan van Aken immer wieder begegnet.

An der Hamburger Universität, wo er als Biologe Vorträge über Gentechnik
hält. Bei der Frühstücksflocken-firma Kellogs im mittleren Westen der USA,
die er für Greenpeace nach gentechnisch verändertem Mais ausspioniert. "Man
stolpert darüber", sagt er. "Wenn man eine Pflanze widerstandsfähig gegen
ein Herbizid machen kann, dann liegt es nahe, zu sagen, ich kann auch
Milzbrand widerstandsfähiger gegen ein Antibiotikum machen."

Das deutsche Büro von Sunshine hat seinen Sitz in einem Gartenhaus in
Hamburg-Othmarschen. Othmarschen ist ein Ort, an dem man sich Biowaffen
vielleicht noch schlechter als irgendwo sonst vorstellen kann. Lange
Villenreihen, Herren in blauen Wollmänteln und blonde Kinder, die an
Gärtnern vorbei nach Hause laufen. Das Gartenhaus von Sunshine ist
eigentlich nur ein Zimmer, links steht ein Gästebett, rechts zwei
Schreibtische und dahinter ein Bücherregal. In den drei Jahren, in denen Jan
van Aken das deutsche Büro aufgebaut hat, arbeitete er nebenbei noch als
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Das Geld, das die
Berghof-Stiftung für Konfliktforschung gegeben hat, reicht nur für eine
halbe Stelle und keinesfalls für eine Familie mit drei Kindern. Das Thema
Biowaffen interessiert erst einmal niemanden, zumindest nicht die breite
Öffentlichkeit. Als Jan van Aken nach dem ersten Auftauchen der
Milzbrandbriefe einen Vortrag hält, kommen nicht einmal zehn Leute. Als er
bei Frank Elstner eingeladen ist, lässt der die Kontonummer von Sunshine
Project einblenden. Drei Leute spenden. Jan van Aken hat weder Gasmasken für
die verängstigten Bürger, noch kann er Saddam Hussein bekehren. Er kann
nicht wie Greenpeace die Frachter mit genmanipuliertem Mais aufhalten.
Biowaffen sind ein abstrakter Gegner. Van Aken hat auch nicht erwartet, dass
Sunshine sich wie Greenpeace über Einzelspenden finanzieren könne. Er hat
geglaubt, dass ihm die Stiftungen in Deutschland Geld geben würden.

Erst einmal funktioniert vieles gut. Unerwartet gut. Sunshine Project
organisiert mit anderen NGOs eine Konferenz zu Agent Green. Das sind
pflanzenschädigende Pilze, die die USA zur Vernichtung von Drogenpflanzen
wie Koka oder Schlafmohn in Lateinamerika einsetzen wollen. Die
Sunshine-Aktivisten informieren Parlamentarier und andere NGOs über die
ökologischen Gefahren. Sie prangern an, dass damit das Biowaffen-Abkommen,
das jede feindselige Anwendung biologischer Mittel verbietet, umgangen
würde. Im Frühjahr 2000 bringen sie das Thema auf der Genfer
Biowaffen-Konferenz zur Sprache. Es wird ein Bilderbucherfolg. Clinton
koppelt die Vergabe eines Milliardenkredits für Kolumbien von den Versuchen
mit Agent Green ab. Ecuador und Peru verbieten den Einsatz der Pilze in
ihren Ländern. "Es war gigantisch", sagt Jan van Aken. "Dass man mit drei so
unwichtigen Leuten plötzlich den Lauf der Welt verändern kann, das passiert
nicht oft."

Manches ist Pflichtübung. Die Konferenzen zur Biowaffen-Konvention sind zäh.
"Waisenverhandlungen" nennen die Sunshine-Leute die Genfer Konferenz, weil
dort gerade mal fünf andere NGOler herumlaufen. Manchmal sieht van Aken
nebenan die Menschenrechtskonferenz tagen, wo sich die Tische der NGOs
endlos aneinander reihen. "Da wird auch der Unterschied deutlich, wie viel
Biowaffen im Verhältnis zu anderen politischen Themen zählen." Die NGOler
sind nur bei den Plenarsitzungen zugelassen. Eine Stunde am ersten und eine
am letzten Tag. Van Aken zieht in Genf seinen Seemannspullover aus und ein
Jackett an. Dann steht er an den Türen der Sitzungssäle und versucht, die
Diplomaten abzufangen, Informationen zu bekommen und seine Themen zu
streuen. "Fürchterlich", sagt Jan van Aken. "Es war heftig für uns, sich
daran zu gewöhnen." Am Ende sind alle entnervt, NGOs und Diplomaten.

Van Aken ist kein Anhänger des Antiamerikanismus. Als die USA die
Überprüfungkonferenz zur Biowaffen-Konvention platzen lassen, klagen die
anderen NGOler über die Amerikaner, bis er es nicht mehr hören kann und
aufsteht: "Nee, das sind die blöden Deutschen, die blöden Franzosen, die
sich hier nicht aufraffen und ohne die Amerikaner weitermachen." Van Aken
kritisiert die Amerikaner, aber er kritisiert genauso das Auswärtige Amt,
weil es das Thema Biowaffen zu langsam und zu kleinmütig angehe. Weil es
nicht die kleinen Schritte tue, die möglich wären, ohne den großen Bruder
Amerika zu verärgern. Warum keine internationale Konferenz zu
Kontrollmöglichkeiten im B-Waffenbereich? Warum kein internationales
Forschungszentrum?

2001 ist ein schlechtes Jahr für die Abrüstung von Biowaffen. Aber es ist
ein gutes Jahr für das Sunshine Project. Da Biowaffen offensichtlich kein
Thema für die breite Öffentlichkeit sind, wendet sich der Verein an
Fachleute. Zu einer Tagung in Dresden kommen Wissenschaftler, NGOs, Ärzte
und Journalisten. Die Journalisten berichten, schlagen sogar den Bogen zur
Biowaffen-Überprüfungskonferenz in Genf.

Und dann tauchen die Milzbrandbriefe auf. "Was in den drei, vier Wochen
danach hier passierte, das spottet jeder Beschreibung", sagt Jan van Aken.
Allmählich wird er unwilliger, wenn die Journalisten nach Horrorszenarien
fragen. Er glaubt nicht, dass pockeninfizierte Terroristen in deutschen
Städten umhereilen werden.

Sunshine recherchiert Dokumente, die belegen, dass die USA ein Forschungs-
und Entwicklungsprogramm für chemische Waffen unterhalten, das die
Chemiewaffen-Konvention verletzt. Die Ergebnisse schicken sie im Vorfeld der
Konferenz der Vertragsstaaten der Chemiewaffen-Konvention an alle
Diplomaten. "Wenn sie uns nicht rauswerfen, dann sind wir schlecht", sagt
Jan van Aken. Sunshine Project wird nicht zur Konferenz zugelassen. Einmal
heißt es, sie hätten sich nicht rechtzeitig angemeldet. Ein andermal heißt
es, der Nachweis über ihre finanzielle Lage würde fehlen. Beides stimmt
nicht. Im Hintergrund zeichnet sich allmählich der Irakkonflikt ab, viele
Diplomaten sind angetan von der Forderung, Waffen-Inspektoren in die USA zu
schicken. Jan van Aken steht mit seinen Kollegen vor der Tür und verteilt
Einladungen zu ihrem Vortrag. "Ihr seid Sunshine, klasse, wir kommen", rufen
die Diplomaten. Vielleicht werden sie die Sunshine-Unterlagen eines Tages
aus ihren Schubladen ziehen und den Amerikanern vorhalten. Vielleicht.

Das Fundraising bleibt mühsam. Die Berghof-Stiftung unterstützt zwei Jahre
lang. Es ist eine kleine Stiftung, eine Verlängerung ist nicht möglich.
Andere geben ihnen 1.000 Euro, auch mal 4.000 Euro, das ist schön, aber es
finanziert keine Stelle. Die großen Stiftungen geben nichts. "Ich habe immer
wieder Anträge geschrieben, nicht nachgelassen. Wahrscheinlich hätte ich
noch viel mehr anrufen, vorbeifahren müssen, persönliche Kontakte zu den
richtigen Stellen aufbauen müssen", sagt Jan van Aken. Aber er sieht nicht,
wie ein Ein-Mann-Büro sich zugleich um die politische Arbeit, die Medien und
die Finanzen kümmern soll. Im Mai wird das Büro schließen. "Ich habe einfach
die falsche Marktlücke. Das ist ein bisschen mein Problem", sagt Jan van
Aken.

Er ist nicht fürs Jammern. Stattdessen wird er sich eine neue Arbeit suchen,
es wird sich etwas finden, er kennt genügend Leute, die im Bereich
Gentechnik arbeiten. Sollte der Krieg ihm nicht zuvorkommen, wird er als
Waffeninspektor in den Irak gehen.

Erst einmal zieht er aus dem Gartenhaus. Manchmal, während er die Sachen
zusammenpackt, denkt er an die Erfolge der Vergangenheit, an das Ende von
Agent Green, an den Coup in Den Haag. Manchmal denkt er, dass es nicht wahr
sein kann. Sein Verein hat gute Arbeit gemacht. "Ihr werdet euch noch
umgucken", denkt er dann. "In zehn Jahren wird es viele Staaten geben, die
Biowaffen auch als Massenvernichtungsmittel einsetzen können, und dann ist
das Heulen und Zähneklappern da".
taz Nr. 7002 vom 12.3.2003, Seite 5, 255 Zeilen (Portrait), FRIEDERIKE
GRÄFF
 
 
 

taz Nr. 7002 vom 12.3.2003, Seite 5
was bisher geschah
jan van aken und das "sunshine project"

Jan van Aken, 41, ist promovierter Zellbiologe und Gentechnik-Experte. 1999
hat er mit zwei amerikanischen Kollegen den Verein Sunshine Project
gegründet, um die Ächtung biologischer Waffen zu unterstützen. Das US-Büro
sitzt in Austin, das deutsche in Hamburg. Den ersten großen Erfolg feiert
Sunshine Project mit seiner Kampagne gegen den Einsatz von Biowaffen in
einem Drogenbekämpfungsprogramm für Lateinamerika. Sunshine Project
engagiert sich auf der alljährlichen Genfer Überprüfungskonferenz zur
Biowaffen-Konvention. Die Konferenz soll die bestehenden Schlupflöcher der
Konvention schließen, was vorerst am Widerstand der USA gescheitert ist.
Wegen finanzieller Schwierigkeiten steht das Hamburger Büro jetzt kurz vor
der Schließung. Weitere Informationen unter www.sunshine-project.de
FOTO: RONALD FROMMANN/LAIF
taz Nr. 7002 vom 12.3.2003, Seite 5, 16 Zeilen (TAZ-Bericht),
 

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