Necla Kelek: Textauszug: „Als ich ihn (Haluk) das erste Mal treffe, sitzt der dreiundsechzig Jahre alte Frührentner allein in seinem Zimmer im Dachgeschoss des Hauses seines Sohnes, das im Vorort einer kleinen deutschen Stadt liegt. Ich hatte seine Schwiegertochter interviewt, die als Importbraut aus Anatolen nach Deutschland gekommen war, und wollte mich von ihm, dem Hausherrn, verabschieden. Er hatte gehört, dass meine Familie, Tscherkessen wie er, auch aus uzun yayla, ‚Wenn Sie einmal in die Gegend kommen, zeige ich Ihnen mein Dorf’, sagt er. ‚Ich bin jeden Sommer dort, auch wenn vieles nicht mehr so ist, wie es einmal war.’ ‚Aber erst erzählen Sie mir Ihre Geschichte’, scherze ich, nicht ahnend, dass wir uns bereits im Sommer darauf tatsächlich im Schatten des erciyes dagi, des höchsten Berges Zentralanatoliens, wiedersehen würden. Haluk ist allein in seinem Zimmer unter dem Dach. Seine Frau, sein Sohn, seine Schwiegertochter und seine beiden Enkelkinder sitzen eine Etage tiefer im Wohnzimmer und sehen türkisches Fernsehen. Er bleibt allein, nicht weil er es möchte, sondern weil er Rücksicht auf seine Kinder nimmt. Der ‚Respekt’ würde es verlangen, dass ein erwachsener Sohn in seiner Gegenwart nicht raucht, nicht trinkt, nicht mit seiner Frau scherzt. Haluk ist das Oberhaupt der Familie, ihm haben alle zu dienen, und sie müssten in seiner Gegenwart schweigen. Die Familie würde versuchen, ihm jeden erdenklichen Wunsch von den Augen abzulesen – alle seien ständig auf dem Sprung. Und er selbst kann und darf, so gebietet es die Tradition, nicht auf den ‚Respekt’ verzichten, er kann nicht sagen:: ‚ Macht es euch gemütlich, Kinder’. Das würde seine Stellung untergraben, als ältester Mann und Vater ist er der Herr der Familie – ein Herrscher, der auf seinem Thron gefangen ist. Deshalb bleibt er allein und ist halb irritiert, halb freut er sich, dass ich mich mit ihm unterhalten möchte. Zögernd erzählt er mir aus seinem Leben, denn niemand hat ihn bisher danach gefragt, und er weiß nicht, was er davon halten soll, dass sich eine fremde Frau für ihn interessiert. Mich erinnert seine Geschichte an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Er würde das nicht so sehen, denn er fühlt sich von Allah mit seinem Leben beschenkt, geht jeden Tag in die Moschee, betet, trinkt dort Tee und spricht mit den anderen Männern über den Lauf der Zeit, wer wen heiratet und was gerade hier in der Fremde und dort in der Heimat passiert." |